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Wenn der Körper nicht zur Ruhe kommt: Der Vagusnerv und das Nervensystem

Das Herz klopft abends noch, obwohl der Tag längst vorbei ist. Der Schlaf fühlt sich oberflächlich an, der Magen reagiert empfindlich, und auch in ruhigen Momenten lässt sich die innere Anspannung nicht so recht abschütteln.

Das Herz klopft abends noch, obwohl der Tag längst vorbei ist. Der Schlaf fühlt sich oberflächlich an, der Magen reagiert empfindlich, und auch in ruhigen Momenten lässt sich die innere Anspannung nicht so recht abschütteln. Patientinnen und Patienten beschreiben mir solche Zustände oft als ein Gefühl, ständig unter Strom zu stehen, ohne dass sich eine klare Ursache benennen lässt.

Ein Blick auf das autonome Nervensystem und insbesondere auf den Vagusnerv kann helfen, solche Beschwerden besser einzuordnen.

Das autonome Nervensystem als Taktgeber

Unser Körper wird von einem Teil des Nervensystems gesteuert, der nicht dem bewussten Willen unterliegt, dem sogenannten autonomen oder vegetativen Nervensystem. Es reguliert Herzschlag, Atmung, Stoffwechsel, Verdauung und viele weitere Vorgänge, ohne dass wir aktiv darüber nachdenken müssen.

Zwei Gegenspieler sind dabei besonders wichtig. Der Sympathikus bereitet den Körper auf Aktivität und Anspannung vor, er erhöht Herzfrequenz und Blutdruck und mobilisiert Energie. Der Parasympathikus wirkt als sein Gegenpol, er fördert Erholung, Verdauung und Regeneration. Der Vagusnerv ist dabei der größte und wichtigste Nerv des Parasympathikus. Er verläuft vom Hirnstamm aus durch den Hals bis hinunter zu Herz, Lunge und Verdauungsorganen und verbindet so Gehirn und Körper auf direktem Weg.

Ein Erklärungsmodell, das in den letzten Jahren viel Beachtung gefunden hat, ist die Polyvagal-Theorie des amerikanischen Neurowissenschaftlers Stephen Porges. Sie beschreibt nicht nur einen, sondern mehrere mögliche Zustände des vegetativen Nervensystems. Neben der sympathischen Aktivierung unterscheidet dieses Modell zwei unterschiedliche Vagus-Zustände, einen, der mit sozialer Verbindung, Ruhe und Sicherheitsempfinden verbunden ist, und einen älteren, der bei anhaltender Überforderung in eine Art Erstarrung oder Rückzug führen kann. Diese Theorie ist ein Denkmodell und wird in der Fachwelt auch kontrovers diskutiert, sie liefert jedoch eine hilfreiche Sprache, um zu verstehen, warum sich Daueranspannung so unterschiedlich zeigen kann, mal als Unruhe und Reizbarkeit, mal als Erschöpfung und Rückzug.

Wie sich ein überforderter Vagus im Alltag zeigen kann

Wenn das Nervensystem über längere Zeit zu wenig Gegengewicht zur Anspannung findet, wirkt sich das auf viele Bereiche des Lebens aus. Der Schlaf wird unruhiger, das Einschlafen fällt schwer, oder das nächtliche Aufwachen kehrt zurück, ohne dass sich ein klarer Grund dafür finden lässt. Tagsüber fällt es schwerer, sich zu konzentrieren, die Gedanken kreisen, kleine Ärgernisse wiegen schwerer als sonst.

Auch der Körper meldet sich. Der Puls bleibt erhöht, selbst in Situationen, die eigentlich entspannt sein könnten. Die Verdauung reagiert empfindlich, mit einem flauen Gefühl im Magen, Blähungen oder einem unregelmäßigen Stuhlgang. Manche bemerken eine flache, hohe Atmung, die kaum bis in den Bauch reicht, andere eine Anspannung im Nacken oder Kiefer, die sich auch im Schlaf nicht löst.

Im sozialen Alltag kann sich das ebenfalls zeigen. Gespräche, die sonst leichtfallen, werden anstrengend, die Fähigkeit, sich auf andere einzulassen, nimmt ab. Nach meiner Erfahrung berichten viele Patientinnen und Patienten rückblickend, dass sie diese Veränderung lange nicht mit ihrem Nervensystem in Verbindung gebracht haben, sondern eher dachten, es läge an Charakter oder Veranlagung.

Wie stark sich diese Veränderungen zeigen, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Manche Patientinnen und Patienten berichten vor allem von Unruhe und einem Gefühl, abends nicht abschalten zu können, andere eher von Antriebslosigkeit und einer Erschöpfung, die sich auch nach ausreichend Schlaf nicht auflöst. Beides kann nach dem oben beschriebenen Modell Ausdruck eines Nervensystems sein, das seine Balance zwischen Anspannung und Erholung noch nicht wiedergefunden hat.

Ein Symptom

Ein überaktivierter Sympathikus oder ein Nervensystem, das schlecht zwischen Anspannung und Ruhe wechseln kann, ist zunächst nur ein Hinweis, kein abschließender Befund. Herzrasen, Verdauungsbeschwerden oder anhaltende Unruhe können viele unterschiedliche Ursachen haben, körperliche ebenso wie psychische, und verdienen eine individuelle Einordnung.

In meiner Praxis schauen wir deshalb gemeinsam auf das gesamte Bild. Dazu gehören die Lebensumstände, der Schlaf, die Ernährung, bestehende Belastungen und auch die Frage, seit wann die Beschwerden bestehen und womit sie sich verändern.

Was den Alltag unterstützen kann

Neben Schlaf, Bewegung und einem bewussten Umgang mit Belastungen kann auch die Atmung ein zugänglicher Ansatzpunkt sein, weil sie eine der wenigen Funktionen des autonomen Nervensystems ist, die sich bewusst beeinflussen lässt. Eine ruhige, verlängerte Ausatmung kann nach meiner Erfahrung dazu beitragen, dass sich der Körper leichter aus einem Zustand der Anspannung löst.

Eine einfache Möglichkeit, das selbst auszuprobieren, ist Folgendes. Setzen Sie sich bequem hin, die Füße stehen fest auf dem Boden, die Schultern dürfen sinken. Atmen Sie ruhig durch die Nase ein und zählen Sie dabei langsam bis vier. Lassen Sie die Luft anschließend langsam und gleichmäßig wieder entweichen, diesmal über etwa sechs bis acht Zählzeiten, als würden Sie durch einen Strohhalm ausatmen. Wiederholen Sie das einige Male hintereinander, ohne die Luft anzuhalten oder sich zu verkrampfen. Wenn Ihnen das angenehm ist, können Sie diesen Rhythmus über ein paar Minuten beibehalten, in etwa fünf bis sechs vollständige Atemzüge pro Minute. Entscheidend ist dabei weniger das exakte Zählen, als ein insgesamt ruhiger, verlängerter Atemfluss, der sich stimmig anfühlt. Sollte es am Anfang zu Schwindel kommen, machen Sie weniger Übungen.

Eine solche Übung ersetzt jedoch keine Abklärung anhaltender Beschwerden, sie kann aber ein niedrigschwelliger erster Schritt sein, um dem Nervensystem im Alltag immer wieder kleine Momente der Entlastung zu geben.

Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Nervensystem seit längerem zu wenig zur Ruhe kommt, und herausfinden möchten, welche Faktoren in Ihrem individuellen Fall eine Rolle spielen, stehe ich Ihnen gerne zur Seite. Gemeinsam schauen wir uns Ihre Beschwerden, Ihren Alltag und Ihre bisherigen Erfahrungen im Zusammenhang an. Melden Sie sich einfach bei mir unter info@eben-gesund.de oder telefonisch unter 02774-8007400, um einen Termin zu vereinbaren.

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